Wie die Schwangerschaft Gehirn und Psyche beeinflusst
Autorin:
Dr. phil. Angela Häne
Die Psychologinnen
Psychotherapie für Frauen – Mütter – Eltern
Zürich
E-Mail: angela.haene@psychologie.ch
Eine Schwangerschaft verändert nicht nur den Körper, sondern auch das Gehirn und die Psyche einer Frau tiefgreifend. Diese Veränderungen markieren den Beginn einer eigenständigen Entwicklungsphase – der Muttertät –, die mit erhöhter Sensibilität, neuroplastischen Adaptationen und vielfältigen psychischen Herausforderungen einhergeht.
Keypoints
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Die Muttertät ist die einzige Zeit im Erwachsenenleben, in der das Gehirn signifikante Veränderungen in so kurzer Zeit durchläuft. Die erhöhte strukturelle und funktionelle Neuroplastizität im Übergang zur Mutterschaft wird neurowissenschaftlich als Reorganisation des Gehirns und als Vorbereitung auf die neue Rolle und die damit verbundenen Aufgaben betrachtet.
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Zusammen mit den umfas-senden körperlichen, psychischen und sozialen Veränderungen wird die erhöhte Neuroplastizität in dieser Entwicklungsphase in Verbindung gebracht mit einer erhöhten Vulnerabilität für psychische Störungen, insbesondere für Angststörungen.4,5
Schwangerschaft – der Beginn einer Entwicklungsphase
Mit Beginn einer Schwangerschaft steigen bekanntermassen die Spiegel der weiblichen Sexualhormone Östrogen und Progesteron stark an und orchestrieren die zahlreichen physiologischen und körperlichen Anpassungsprozesse, welche für die Aufrechterhaltung und den optimalen Verlauf einer Schwangerschaft unerlässlich sind.1,2 Weibliche Sexualhormone entfalten darüber hinaus Wirkungen auf zentrale Funktionen, d.h. auf die morphologische und funktionelle Ausprägung des zentralen Nervensystems, und sind dadurch in der Lage, die wesentlichen Neurotransmittersysteme, v.a. Serotonin, Dopamin, GABA, Noradrenalin, zu beeinflussen.1 Während Östrogene z.B. eher eine aktivierende Wirkung haben und u.a. die Synapsenbildung verstärken und die Serotoninkonzentration erhöhen, hat Progesteron eher gegenteilige Effekte. Es hemmt die Synapsenbildung und vermindert die Serotoninkonzentration.3 Durch diese weitreichenden modulierenden Effekte auf unterschiedliche Neurotransmittersysteme können Veränderungen der weiblichen Sexualhormone, wie sie in der Schwangerschaft auftreten, zu psychischen Veränderungen in der Schwangerschaft beitragen und dadurch Stimmungsschwankungen oder Stimmungstiefs begünstigen.4,5
Muttertät – die Transition von der Frau zur Mutter
Für eine Frau stellt eine Schwangerschaft den Beginn eines monumentalen Transformationsprozesses dar, der sogenannten Matreszenz oder Muttertät.6 Muttertät bezeichnet die Transition einer Frau zur Mutter. Während die Mutterrolle unmittelbar nach der Geburt übernommen wird, bilden sich Muttergefühle und eine neue, zusätzliche Mutteridentität nicht sofort am gleichen Tag der Geburt aus. Sie entwickeln sich vielmehr über die Zeit durch die Übernahme neuer Aufgaben und die Fürsorge für das eigene Kind.6–8 Begrifflich angelehnt an die Adoleszenz oder Pubertät, umschreibt die Muttertät den Prozess der Mutterwerdung als eine eigenständige Entwicklungsphase im Leben einer Frau, in der werdende Mütter gefordert sind, sich neu zu orientieren und sich an die veränderten Lebensumstände anzupassen.9,10 Dieses Entwicklungsstadium ist von besonderen Herausforderungen geprägt und geht mit weitreichenden Veränderungen einher, sowohl auf körperlicher, psychischer und sozialer (Partnerschaft und erweitertes Beziehungsnetzwerk) als auch beruflicher Ebene. Die Muttertät weist über die begriffliche Anlehnung hinaus in vielfältiger Hinsicht Parallelen zur Pubertät auf: Beide Entwicklungsphasen werden durch hormonelle Veränderungen angestossen und markieren den Übergang zwischen zwei Lebensstadien, welche mit der Übernahme einer neuen gesellschaftlichen Rolle sowie veränderten sozialen Erwartungen einhergehen.11 Dieser Wandel erfordert erhebliche psychische und soziale Anpassungen, die das Selbstbild und Selbstvertrauen von (werdenden) Müttern herausfordern, ihre Anfälligkeit für eine psychische Beeinträchtigung erhöhen und somit zu normativen psychischen Belastungen führen können. Diese psychischen Veränderungen sind nicht Ausdruck einer psychischen Störung, stellen ihrerseits dennoch eine Belastung dar und können fliessend in ein Störungsbild übergehen.
Psychische Veränderungen
Im Kontext der Muttertät kommt es bereits während der Schwangerschaft zu bedeutsamen psychischen Veränderungen. Winnicott (1956) beschreibt in diesem Zusammenhang den Prozess der Sensibilisierung, der etwa ab dem dritten Trimenon einsetzt. Frauen werden in dieser Phase zunehmend sensibler und empfänglicher für innere und äussere Reize, was sich häufig in intensiveren emotionalen Reaktionen zeigt.12,13 In der Praxis manifestiert sich dies häufig z.B. bei gynäkologischen Schwangerschaftskontrollen. Jeder Hinweis auf eine mögliche Auffälligkeit im Entwicklungsstand des Embryos oder Fetus kann zu einer ausgeprägten emotionalen Reaktion bei der Schwangeren führen. Zeitgleich zeigt sich auf der Ebene höherer kognitiver Funktionen eine veränderte Aufmerksamkeitssteuerung: Der Fokus richtet sich verstärkt auf potenzielle Gefahren oder Bedrohungen.14 Schwangere entwickeln insbesondere ab dem dritten Trimenon eine zunehmende Wachsamkeit gegenüber (bedrohlichen) Reizen. Diese erhöhte Wachsamkeit kann einerseits aus evolutionsbiologischer Perspektive dem Schutz des Ungeborenen dienen und eine adaptive Vorbereitung auf die Fürsorge für das Kind darstellen. Andererseits kann ein erhöhter Gefahrenfokus gemeinsam mit der erhöhten Sensibilisierung dazu beitragen, dass Mütter von anhaltenden Sorgen und Ängsten geprägt sind und ihr eigenes Erleben und Verhalten ihnen – und oft auch ihrem Umfeld – fremd wird.
Begleitend treten häufig Unsicherheiten oder Gefühle der Überforderung auf. Viele Frauen berichten über anhaltendes Grübeln oder endlos erscheinende Sorgenketten, die sich um das eigene Befinden, das Kind oder die zukünftige Rolle als Mutter drehen. Stimmungstiefs oder ausgeprägte Stimmungsschwankungen sind in diesem Zusammenhang keine Seltenheit. Im Kontext der Muttertät können sich auf emotionaler Ebene Phasen grosser Freude mit Momenten von Traurigkeit, Ärger oder Überforderung abwechseln.7 Besonders intensive und häufig auch ambivalente emotionale Erfahrungen sind Kernmerkmale der Muttertät.9 Hinzu kommt häufig eine ausgeprägte Erschöpfung, die unter anderem durch Schlafmangel oder wenig erholsamen Schlaf in der Schwangerschaft oder in der Postpartalzeit verstärkt wird.
Auf der emotionalen Ebene können zudem Gefühle des Versagens sowie Scham- und Schuldgefühle auftreten, die nicht selten mit einer Selbststigmatisierung einhergehen, insbesondere wenn eigene Erwartungen vom Muttersein als nicht erfüllt erlebt werden.15 Die Schwangerschaft, welche den Beginn der Entwicklungsphase der Muttertät markiert, geht einher mit spezifischen Veränderungen des emotionalen Erlebens und der höheren kognitiven Funktionen, welche ihrerseits ebenfalls in Verbindung stehen mit einer erhöhten Neuroplastizität auf Ebene des Gehirns in der Schwangerschaft.11,16,17
Erhöhte Neuroplastizität in der Schwangerschaft
Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass die Schwangerschaft mit einer erhöhten Neuroplastizität einhergeht. Ähnlich wie in der Pubertät kommt es, angestossen durch den Anstieg weiblicher Geschlechtshormone, zu strukturellen und funktionellen neuroplastischen Veränderungen im Gehirn einer Schwangeren.18–20 Ergebnisse von neurowissenschaftlichen Studien weisen robuste Befunde auf, die zeigen, dass es bei Schwangeren zu einer Volumenreduktion der grauen Substanz in Gehirnarealen kommt, welche relevant sind für die mit der Mutterschaft zusammenhängenden Fürsorge-Aufgaben, u.a. im medialen frontalen Cortex, im Hippocampus, im posterioren cingulären Cortex und im Precuneus.4,21 Diese Ergebnisse beruhen auf Untersuchungen mit Schwangeren, die zum ersten Mal schwanger waren. Diese Volumenreduktion in der grauen Substanz von bis zu 1% ist konsistent, so zeigen 92% aller Mütter ähnliche strukturelle Adaptationen.18 Dabei sind die Hirnareale am meisten betroffen, welche verbunden werden mit sozialem Verhalten, Empathie und der Fähigkeit, sich in die Absichten anderer hineinzuversetzen und Bedürfnisse anderer zu erkennen («theory of mind»), Aspekte, welche entscheidend sind für die spätere Fürsorge für ein Neugeborenes.5,17
In der Schwangerschaft und in der Postpartalzeit kommt es darüber hinaus auch zu funktionellen neuroplastischen Veränderungen im Sinne eines erhöhten Blutflusses und einer gesteigerten Aktivierung in bestimmten Hirnarealen.21 Neuere Studien weisen auf erhöhte Aktivierung in neuronalen Netzwerken hin, die für die Fürsorge-Aufgaben bedeutsam sind und als neuronale Korrelate mütterlichen Verhaltens gelten, wie bspw. das Belohnungsnetzwerk, das Empathie- und «Theory of mind»-Netzwerk und Netzwerke, welche für die Aufmerksamkeitslenkung und Emotionsregulation zuständig sind.4,18
Literatur:
1 McKay S: Baby Brain. The surprising neuroscience of how pregnancy and motherhood sculpt our brains and change our minds (for the better). Hachette Australia 2023 2 Soma-Pillay P et al.: Physiological changes in pregnancy. Cardiovascular J Afr 2016; 27(2): 89-94 3 Birkhäuser M et al.: Was macht Frauen krank? Ursachen und Wirkfaktoren. In: Riecher-Rössler A, Bitzer J (Hrsg.): Frauengesundheit. Ein Leitfaden für die ärztliche und psychotherapeutische Praxis 2025. Urban & Fischer. (S. 31-82) 4 Pawluski JL et al.: The parental brain, perinatal mental illness, and treatment: a review of key structural and functional changes. Semin Perinatol 2024; 48(6): 151951 5 Pawluski JL et al.: Editorial: neurobiology of peripartum mental illness. Front Glob Womens Health 2022; 3: 888088 6 Athan A, Reel HL: Maternal psychology: reflections on the 20th anniversary of Deconstructing Developmental Psychology. Feminism & Psychology 2015; 25(3): 311-25 7 Babetin K: The birth of a mother: a psychological transformation. Journal of Prenatal and Perinatal Psychology and Health 2020; 34(5) 8 Raphael D: Being female: reproduction, power, and change. de Gruyter Mouton, 1975 9 Athan AM: A critical need for the concept of matrescence in perinatal psychiatry. Front Psychiatry 2024; 15: 1364845 10 Trinko V et al.: Improving maternal well-being: a matrescence education pilot study for new mothers. Matern Health Neonatol Perinatol 2025; 11(1): 18 11 Orchard ER et al.: Matrescence: lifetime impact of motherhood on cognition and the brain. Trends Cogn Sci 2023; 27(3): 302-16 12 Winnicott DW: Primary maternal preoccupation. In: Davies M (Hrsg.): The American Psychoanalyst. Bd. Vol. 1. International Universities Press, 1956. (S. 223-229) 13 Stern DN, Bruschweiler-Stern N: Geburt einer Mutter: Die Erfahrung, die das Leben einer Frau für immer verändert. 3. Aufl. Brandes & Apsel, 2014 14 Pearson RM et al.: Emotional sensitivity for motherhood: Late pregnancy is associated with enhanced accuracy to encode emotional faces. Horm Behav 2009; 56(5): 557-63 15 Constantinou G et al.: Reviewing the experiences of maternal guilt – the “Motherhood Myth” influence. Health Care Women Int 2021; 42(4-6): 852-76 16 Duarte-Guterman P et al.: The long and short term effects of motherhood on the brain. Front Neuroendocrinol 2019; 53: 100740 17 Hoekzema E et al.: Mapping the effects of pregnancy on resting state brain activity, white matter microstructure, neural metabolite concentrations and grey matter architecture. Nat Commun 2022; 13(1): 6931 18 Callaghan BL et al.: Understanding the maternal brain in the context of the mental load of motherhood. Nature Mental Health 2024; 2: 764-72 19 Hoekzema E et al.: Pregnancy leads to long-lasting changes in human brain structure. Nat Neurosci 2017; 20(2): 287-96 20 Hoekzema E et al.: Becoming a mother entails anatomical changes in the ventral striatum of the human brain that facilitate its responsiveness to offspring cues. Psychoneuroendocrinology 2020; 112: 104507 21 Barba-Müller E et al.: Brain plasticity in pregnancy and the postpartum period: links to maternal caregiving and mental health. Arch Womens Ment Health 2019; 22(2): 289-99
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