Moderne Technik: das Wohl der Patientinnen im Mittelpunkt
Bericht:
Dr. med. Thomas Ferber
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Nach zweijähriger Pause präsentierte Prof. Volker Viereck das aktuelle Programm zum Thema Urogynäkologie in der Kartause Ittingen. Experten aus dem In- und Ausland beleuchteten Urogynäkologie, Menopause, Schmerz und Operationen. Der Bericht fasst die wichtigsten Inhalte zusammen.
PD Dr. med. David Scheiner vom Blasenzentrum Zürich erläuterte die Entwicklungen im Bereich E-Health, insbesondere hinsichtlich Telemedizin, Online-Sprechstunden sowie elektronischer Patientendossiers (EPD) in der Schweiz.
Rationaler Einsatz von Antibiotika essenziell für die Eindämmung von Resistenzen
Antibiotika sollten laut Prof. Dr. med.Annette Kuhn vom Inselspital Bern bei der Behandlung von Harnwegsinfekten gezielt und sparsam eingesetzt werden, um Resistenzen zu vermeiden. Stuhlinkontinenz ist ein häufiges, oft unerkanntes Problem bei älteren Frauen und birgt ein erhöhtes Risiko für Harnwegsinfekte und Pflegebedürftigkeit. Ursachen sind unter anderem Geburten, altersbedingter Muskelschwund, neurologische Erkrankungen und Ernährungsfaktoren. Der Wexner-Score dient zur Diagnose und das intestinale Mikrobiom spielt eine relevante Rolle. Neben Antibiotika sind pflanzliche Mittel und alternative Ansätze verfügbar. Konsequent durchgeführte Diagnostik und Therapie der Stuhlinkontinenz tragen zur Prävention rezidivierender Harnwegsinfekte bei; der rationale Einsatz von Antibiotika ist essenziell für die Eindämmung von Resistenzen.
Beckenbodenverletzungen: moderne Diagnostik – operative Eingriffe möglichst hinauszögern
Prof. Ladislav Krofta von der Medizinischen Fakultät der Karls-Universität Prag präsentierte neue Erkenntnisse zur Modellierung des Beckenbodens mithilfe bildgebender Verfahren wie MRT und Ultraschall, mit denen muskuläre und fasziale Schäden nach Geburten analysiert werden. Während der Austreibungsperiode wirken hohe Belastungen auf den Musculus levator ani, abhängig von der Kopfgrösse des Kindes und dem Geburtsverlauf, und Eingriffe wie Zangenentbindungen erhöhen das Risiko für Schädigungen. Moderne 3D-Modelle ermöglichen individuelle Simulationen und können dazu beitragen, Risiken besser einzuschätzen sowie Präventions- und Nachsorgestrategien zu verbessern.
PD Dr. med. Stefan Albrich aus München thematisierte Beckenbodenverletzungen nach schwierigen Geburten, insbesondere Defekte am Levator ani, die zu Beschwerden wie Inkontinenz oder Senkungen führen. Untersuchungstechniken umfassen Inspektion, Palpation und insbesondere den 3D-Ultraschall. Ein beidseitiger Levatorabriss erhöht das Risiko für Senkungen. Operative Eingriffe zeigen nur begrenzte Erfolge, und die langfristige Wirkung ist noch nicht ausreichend dokumentiert. Es existiert keine Standardbehandlung; konservative Therapien wie Physiotherapie oder Pessare stehen im Vordergrund. Junge Patientinnen sollten individuell beraten und operative Eingriffe möglichst hinausgezögert werden.
Endokrinologische Behandlungen in der Menopause verbessern Lebensqualität
Dr. med. Nicole Viereck vom Blasenzentrum der Frau AG, Frauenfeld, berichtete, dass die Menopause zunehmend öffentlich diskutiert wird und mehr Beratungsbedarf besteht – auch bei jüngeren Frauen. Urogynäkologische Hauptthemen in den Sprechstunden sind Harninkontinenz, Reizblase, Infekte, Schmerzen beim Sex und vaginale Atrophie, oft schon vor der Menopause. Viele Frauen leiden unter vaginaler Trockenheit, was die Lebensqualität beeinträchtigen kann; neben Lubrikantien, die die Symptome einer vaginalen Trockenheit lindern, können lokale Östrogene sowie lokales DHEA und die Lasertherapie zur Behandlung eingesetzt werden. Eine lokale Östrogenisierung ist ein wichtiger Therapiebaustein bei allen urogynäkologischen Beschwerden. Nach urogynäkologischen Operationen ist die endokrinologische Nachsorge wichtig. Ein kombiniertes Vorgehen verbessert häufig die Lebensqualität.
Die Testosterontherapie nach der Menopause wird laut Prof. Dr. med. Alexandra Kohl Schwartz vom Luzerner Kantonsspital zunehmend von Patientinnen thematisiert und ist derzeit hauptsächlich für Frauen mit nachgewiesener «hypoactive sexual desire disorder» (HSDD) zugelassen. Weitere Anwendungen sind nicht evidenzbasiert. Testosteronmangel kann Libidoverlust und andere Symptome verursachen, DHEA-Präparate stehen für die urovaginale Atrophie zur Verfügung. Systemische Testosterongabe ist individuell möglich, Präparate sind meist «off-label» und werden vorsichtig dosiert, Standard sind Gele oder Pflaster. Verbesserungen psychischer Symptome sind möglich, Langzeitdaten fehlen weitgehend, Risiken bestehen unter anderem bei Überdosierung oder Umwandlung zu Östrogen. Eine sorgfältige Diagnostik, individuelle Therapieanpassung und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind essenziell.
Physiotherapie in der Urogynäkologie: Die Lebensqualität der Frauen ist oberstes Ziel
«Das Erkennen individueller Einflussfaktoren, insbesondere hormoneller Veränderungen, steht im Mittelpunkt der physiotherapeutischen Betreuung», sagte Physiotherapeutin Kathrin Knill aus Zürich, denn: «Physiotherapeut:innen verfügen über die Kompetenz, strukturelle Anpassungen fachgerecht zu beurteilen und patient:innenorientiert einzusetzen.»
Das Beste kommt zum Schluss: Sexualität in der Menopause
Sexualität nach der Menopause bringt laut Sexologin Zuzanna Gehrig Schenk von der SexMed Academy, Zürich, individuelle Erfahrungen und Herausforderungen mit sich. Viele Frauen erleben keine Beschwerden, andere haben mit Lustverlust, Unsicherheiten oder Schmerzen zu kämpfen. Gesellschaftliche Vorstellungen und mangelnde Kommunikation beeinflussen das Selbstbild und die Beziehung zum eigenen Körper. Gerade hormonelle Veränderungen können zu mehr Durchsetzungsfähigkeit führen, aber auch Partnerschaften verändern. «In der Sexualtherapie stehen Offenheit, Selbstakzeptanz und das Gespräch über Bedürfnisse im Mittelpunkt. Es ist hilfreich, praxisnahe Techniken aus Therapie und Literatur zu nutzen – Kommunikation sowie ein positives Selbstbild sind entscheidend für erfüllte Sexualität im Alter», so Gehrig Schenk abschliessend.
Physiotherapie hilft bei Vulvodynie und chronischen Unterleibsschmerzen
In ihrer Präsentation beleuchtete Prof. Mélanie Morin, Quebec, die physiotherapeutischen Ansätze zur Behandlung von Vulvodynie, auch Vestibulodyniesyndrom genannt. Die Erkrankung betrifft 8–20% der Frauen und ist in ihrer Ursache noch nicht eindeutig geklärt. Insbesondere beim provozierten, lokalisierten Subtyp, charakterisiert durch lokal ausgelöste Schmerzen des Scheidenvorhofs, belegen Studien die Wirksamkeit physiotherapeutischer Interventionen, welche vor allem am Beckenboden ansetzen. Psychische Faktoren wie Angst und Katastrophisieren sowie muskuläre Dysfunktionen spielen wichtige Rollen und beeinflussen sich gegenseitig.
Multimodale Physiotherapie gilt als wirksame Erstbehandlung und übertrifft andere Methoden wie Lidocain in der Schmerzreduktion und Verbesserung psychologischer Variablen, die auch sechs Monate nach Therapieabschluss anhalten. Typische Massnahmen sind laut Prof. Morin Aufklärung, myofasziale Techniken und gezieltes Beckenbodentraining: «Diese Methoden zeigen signifikante und nachhaltige Besserung chronischer Schmerzen und Muskelfunktionen», so Prof. Morin.
Einzelne Therapieformen wie Patientenedukation, Vermeidung von Reizstoffen, Dilatatoren, ROS-Übungen und manuelle Therapien tragen ebenfalls zur Schmerzlinderung bei. Innovative Ansätze wie «dry needling» (trockenes Nadeln), eine spezielle Akupunkturtechnik zur Behandlung myofaszialer Triggerpunkte mittels steriler Einwegakupunkturnadeln, sowie Lasertherapie erweisen sich als sicher und vielversprechend, bedürfen aber gemäss Prof. Morin weiterer Forschung. «Insgesamt bestätigen zahlreiche Studien die Effektivität der Physiotherapie bei Vulvodynie und chronischen Unterleibsschmerzen, wobei individuelle Anpassungen der Behandlung empfohlen werden», so Prof. Morin abschliessend.
Hilft Lasertherapie bei urogynäkologischen Problemen?
Allgemein kann laut PD Andrea Braga, Mendrisio, derzeit keine eindeutige Empfehlung für die Lasertherapie bei Belastungsinkontinenz ausgesprochen werden. Die Therapie könnte für ausgewählte Patientinnen mit leichten Symptomen eine Option sein, sollte jedoch nur unter Berücksichtigung individueller Risikofaktoren und nach umfassender Aufklärung angewendet werden.
IC und S2K-Leitlinie: Überblick und klinische Relevanz
Die neue S2K-Leitlinie zu IC/BPS (interstitielle Zystitis/Bladder Pain Syndrome) erschien laut Prof. Volker Viereck vom Blasenzentrum der Frau AG, Frauenfeld, im Sommer 2025 und setzt neue Standards. Sie umfasst 189 Seiten und 145 Empfehlungen, entwickelt von 30 Expert:innen aus Deutschland und der Schweiz.
IC/BPS versteht sich als Überbegriff und untergliedert sich in die interstitielle Zystitis (IC) und das Blasenschmerzsyndrom (BPS). IC bezeichnet eine Entzündung der Harnblase und kann mit Symptomen wie Schmerzen und häufigem Wasserlassen auftreten. Die Leitlinie folgt damit der WHO-ICD-11-Klassifikation. Die Zystoskopie ist entscheidend zur Diagnose der IC: Blasenläsionen, -rötungen oder Einblutungen sind charakteristisch. Histologisch sind in Blasenbiopsien Entzündungszellinfiltration und Urotheldefekte sichtbar. Im Gegensatz dazu ist bei BPS die Blasenwand zystoskopisch und histopathologisch unauffällig. Das BPS ist ein Symptomkomplex, gekennzeichnet durch chronische Unterbauchschmerzen, Druck oder Unwohlsein, der mit der Harnblase in Verbindung gebracht wird.
Die Behandlungsansätze sind laut Prof. Viereck multimodal: Lebensstiländerung, Ernährung, Physiotherapie, Medikamente (u.a. Antihistaminika, Pentosanpolysulfat), Injektionen und Operationen. Fulguration und Botox-Injektionen sind bewährte Methoden. «Eine umfassende Diagnostik und individuell angepasste Therapie sind essenziell, oft interdisziplinär begleitet. Zystoskopie bleibt ein zentraler Bestandteil, und die Behandlung beginnt meist mit Entspannungsmassnahmen und Lebensstilberatung», erklärte Viereck abschliessend.
Restharn individuell angepasst behandeln
Restharn nach dem Wasserlassen ist laut Dr. med. Irena Zivanovic-Benedetto häufig, besonders nach Operationen oder bei Blasenstörungen. Bis zu 100ml gelten meist als akzeptabel. Ursachen sind Funktionsstörungen, mechanische Hindernisse, Medikamente oder Komplikationen nach Eingriffen. Die Diagnose erfolgt durch Anamnese, Urintest, Ultraschall und ggf. weitere Untersuchungen. Typische Symptome sind schwacher Harnstrahl, Restharngefühl und wiederkehrende Infektionen. Beckenbodentraining und Miktionsoptimierung stehen am Anfang der Therapie; im Bedarfsfall kommen Katheterisierung oder Medikamente hinzu. Neue Sensoren zur kontinuierlichen Restharnmessung werden entwickelt, das Ziel bleibt eine individuell angepasste Behandlung.
Roboter in der Urogynäkologie noch ohne relevante Vorteile gegenüber der Laparoskopie
Prof. Cornelia Betschart vom Universitäts Spital Zürich thematisierte die medizinischen Roboter in der Gynäkologie und Urologie. Bekannte Systeme wie da Vinci sind etabliert; neue Modelle mit spezifischen Einsatzgebieten kommen hinzu. In der Schweiz entstehen eigene Roboter wie Dexter, ein chirurgischer Assistenzroboter, der Chirurgen bei Laparoskopie-Eingriffen unterstützt. Dieser Roboter ist kleiner, leichter und vielseitiger als klassische Systeme, da er es Chirurgen ermöglicht, flexibel zwischen roboterassistierten und herkömmlichen Eingriffen zu wechseln. International gibt es ebenfalls Alternativen. «Der Medizintechnikmarkt wächst stark, doch robotergestützte OPs machen derzeit nur rund 5% aus. Fortschritte wie Eye-Tracking, KI und haptisches Feedback könnten das ändern», so Betschart. Roboter erleichtern Operateuren die Arbeit, klinische Studien zeigen aber meist keine relevanten Vorteile gegenüber der Laparoskopie. Die Kosten sind hoch, was oft unterschätzt wird. Die Zukunft bringt gemäss Betschart weitere Innovationen, mehr Wettbewerb und bei vermehrtem Einsatz auch Kostensenkungen.
Prolapsoperationen: standardisierte Techniken und spezialisierte Ausbildung
Mit zunehmendem Alter steigt die Zahl der Prolapsoperationen. Im Vordergrund steht für PD Dimitri Sarlos, Gynäkologisches Zentrum Aarau, die Verbesserung der Lebensqualität: Patientinnen tolerieren Einschränkungen nur, wenn wesentliche Funktionen wie Kontinenz und Schmerzfreiheit erhalten bleiben. Die Anforderungen an eine Operation sind für PD Sarlos klar: «Gute Ergebnisse, geringe Komplikationsraten, schnelle Rekonvaleszenz und niedrige Kosten.» Die gängigen Operationsverfahren lassen sich in vaginale und abdominale Methoden unterteilen. Vaginale Prolapsoperationen umfassen Fixationen, Plastiken und Mesh-Augmentationen. Abdominal werden unter anderem die Sakropexie und die Fixation am pubischen Ligament angewendet.
Die Sakropexie gilt als gut evaluiert, minimalinvasiv und reversibel. Sie bietet besonders bei jungen Patientinnen eine gute Option. Wichtig sind laut Sarlos dabei die Expertise in der orthopädischen Biologie und die sorgfältige Darstellung relevanter Strukturen, um Komplikationen wie Nervenverletzungen zu vermeiden. Die Präzision im Operationsfeld ist entscheidend. Neuere Techniken sollen Komplikationen verringern. Studien belegen meist bessere Ergebnisse bei abdominalen Verfahren, trotz längerer OP-Dauer. Adhäsionen und Voroperationen erschweren manche Eingriffe. Standardisierte Techniken und spezialisierte Ausbildung sind zentral.
Genitale Fisteln: Der erste Verschlussversuch bietet die besten Erfolgschancen
Genitale Fisteln können laut Prof. Christl Reisenauer, Tübingen, gravierende Folgen für Patientinnen haben. Sie entstehen meist nach Geburten oder chirurgischen Eingriffen.
Die Tagung abschliessend stellte PD Stefan Mohr, Bürgerspital Solothurn, verschiedene interessante Fallbeispiele aus seiner Praxis vor: Eine Patientin mit Pessarproblemen, eine weitere mit Abszessen und Netzmaterialentfernung sowie eine dritte mit Schmerzen durch ein postoperatives Band. Ausserdem demonstrierte Mohr in Videos Komplikationen mit Vaginalnetzen und deren Behandlung. Zum Schluss kamen seltene Fälle wie die Darstellung von Zystoskopiebildern bei Infektionen zur Sprache sowie die Darstellung von Komplikationen nach Hysterektomie.
Quelle:
21. Frauenfelder Symposium, Kartause Ittingen, Warth bei Frauenfeld, 24. 10. 2025
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